Segen und Fluch von Routine und Betriebsblindheit. Wie Sie den richtigen Zeitpunkt für Veränderung erkennen.

Segen und Fluch von Routine und Betriebsblindheit. Wie Sie den richtigen Zeitpunkt für Veränderung erkennen.

Segen und Fluch bedeutet, dass etwas von Vorteil und gleichzeitig von Nachteil sein kann. Was ist es, das uns in unserem Tagesgeschäft gut sein lässt? Es ist die Routine.
Betrachten wir die Definitionen lt. Duden oder Wikipedia, so bedeutet Routine:

  1. durch längere Erfahrung erworbene Fähigkeit, eine bestimmte Tätigkeit sehr sicher, schnell und überlegen auszuführen
  2. [technisch perfekte] Ausführung einer Tätigkeit, die zur Gewohnheit geworden ist und jedes Engagement vermissen lässt

Aber wo kommt sie her, die Routine? Routine hat etwas mit Erfahrung zu tun. Je häufiger wir etwas Gleiches oder Gleichartiges tun, desto leichter fällt es uns, desto schneller geht es uns von der Hand.

In der Betriebswirtschaft gibt es die Erfahrungskurve, die besagt, dass die realen Stückkosten konstant sinken, wenn sich die kumulierte Ausbringungsmenge erhöht.

Bild 1: Darstellung einer 85%-igen Erfahrungskurve.
Bild 1: Darstellung einer 85%-igen Erfahrungskurve.

Die Idee mit der Erfahrungskurve funktioniert nicht nur bei Stückkosten und Ausbringungsmenge, sondern auch bei Bearbeitungszeit/Vorgang und Anzahl Vorgänge.

Je mehr Erfahrung (Übung) wir mit einer Aufgabe, in einem Thema oder mit einer Arbeit haben, desto weniger Zeit brauchen wir dafür. Wir erlangen Routine.

So beschreibt die erste o.g. Definition für Routine einen Zustand am Anfang der Erfahrungskurve und die zweite o.g. Definition eher den sogenannten eingelaufenen Zustand.

Schaut man sich, in Anlehnung an die Erfahrungskurve, den Grad der Routine in Abhängigkeit zur Betriebszugehörigkeit an, wird schnell klar, warum die Routine Fluch und Segen zu gleich ist.

Bild 2: Darstellung Grad der Routine in Abhängigkeit zur Betriebszugehörigkeit.
Bild 2: Darstellung Grad der Routine in Abhängigkeit zur Betriebszugehörigkeit.

Routine macht erfolgreich.

Wir werden in dem was wir tun immer besser und das ist gut so. Der Grad der Routine macht uns erfolgreich. Dies gilt für jeden Menschen in jedem Lebensbereich.

In Unternehmen hat sie zudem noch einen zusätzlichen nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Nutzen. Im Zusammenhang mit der Erfahrungskurve leiten sich komplette Marktstrategien davon ab. Gemäß dem Erfahrungskurveneffekt haben diejenigen Anbieter mit dem höchsten Marktanteil das höchste Kostensenkungspotenzial. Die strategische Konsequenz des Erfahrungskurvenkonzepts ist daher die Übernahme der Marktführerschaft durch Kostenführerschaft. 

Allerdings hat die Routine auch einen Preis.

Es ist die Betriebsblindheit, die man im Laufe der Jahre ohne besonderes Dazutun gratis dazu bekommt.

So lautet denn auch die Definition für Betriebsblindheit:

Betriebsblindheit 

  1. ist eine routinemäßige Arbeitsweise, an der keine Selbstkritik geübt und keine Veränderungsmöglichkeit gesehen wird.
  2. aufgrund langer Zugehörigkeit blind für Fehler oder Mängel, die in dem Bereich auftreten, in dem man beschäftigt ist.
Bild 3: Entwicklung der Betriebsblindheit bei zunehmender Betriebszugehörigkeit.
Bild 3: Entwicklung der Betriebsblindheit bei zunehmender Betriebszugehörigkeit.

In sicherheitsrelevanten Berufen (Pilot, Kapitän, …) kann sie sogar gefährlich werden, da Betriebsblindheit und Routine zu Langeweile führen und damit die Achtsamkeit einschränken. Unfälle sind die Folge.

Im laufenden Produktionsprozess kann sie zu geringerer Effektivität und somit zum Wettbewerbsnachteil führen. Betriebsblindheit kann durch verschiedene Faktoren verstärkt werden, so beispielsweise durch langfristig stabilen Absatz oder durch die Unternehmenspraxis, Personal vornehmlich durch kostensparende interne – und unter Meidung kostenintensiver externer – Stellenausschreibungen zu rekrutieren. Eine interne Stellenbesetzung reduziert die Anlaufkosten, da der Mitarbeiter bereits auf der Erfahrungskurve weit fortgeschritten ist. Allerdings befindet sich auch der Grad seiner Betriebsblindheit nicht mehr bei null.

Auch Manager leiden unter Betriebsblindheit

Von einem gewissen Grad an Betriebsblindheit kann sich niemand frei sprechen. Egal auf welcher Etage im Unternehmen man tätig ist. Denn auch für Manager gilt, Routine macht erfolgreich.

Allerdings gehört es zu den Kernaufgaben von Managern, Schaden vom Unternehmen fern zu halten. Betriebsblindheit ist eindeutig ein Schaden. Aber wie soll ein selbst Betroffener diesen Schaden fern halten?

Eine Betriebsblindheit kann in der Regel nur durch Anstöße und Impulse von außen – von Nichtbetriebsangehörigen – erkannt und verändert werden, so die Hypothese.

Die Praxis zeigt allerdings, dass es auch anders geht.

Personalentwicklungsmodelle im Bereich Training on the Job, wie

  • Job-Rotation = Job-Drehung (Tausch von Arbeitsplätzen),
  • Job-Enlargement = Job-Erweiterung (zusätzliche Aufgaben) und
  • Job-Enrichment = Job-Anreicherung (neue Aufgaben höherer Hierarchiestufen),

sind unbestritten sinnvolle Maßnahmen um den Grad der Betriebsblindheit zu reduzieren, katapultieren die Betroffenen allerdings jedes Mal wieder auf der Erfahrungskurve an den Anfang. Das Spiel beginnt von vorn: Erfahrung – Routine – Betriebsblindheit – höhere Kosten.

Bild 4: Erfahrungskurveneffekte „Training on the Job“
Bild 4: Erfahrungskurveneffekte „Training on the Job“

Wie erkennt man den richtigen Zeitpunkt für Veränderung?

Leider gibt es kein Messinstrument, das in der Lage wäre, die Betriebsblindheit zu messen. Sie ist da, das ist sicher, also ist der richtige Zeitpunkt für Veränderung immer „Jetzt“.

Betriebsblindheit kann man hören.

Man kann Betriebsblindheit nicht messen, aber man kann sie hören.

Sie haben den Wunsch etwas zu ändern, die Maßnahme ist bekannt, kommunizieren Sie diese Maßnahme und achten Sie auf die Reaktionen Ihres Gegenübers. Wird er kreativ, hört er ihnen aufmerksam zu, dann signalisiert er Veränderungsbereitschaft.

Reagiert er mit Desinteresse oder mit einer Killerphrase, haben Sie es mit der Betriebsblindheitsstufe 1 zu tun.

Hier einige Beispiele für Betriebsblindheit und der damit verbundenen Beharrungsstarre bei Veränderungen:

Betriebsblindheit Stufe 1 – Killerphrasen:

  • „Das haben wir schon immer so gemacht!“
  • „Das haben wir noch nie gemacht!“
  • „Weil ich es sage!“
  • „Da könnte ja jeder kommen!“
  • „Das ist doch nichts Neues!“
  • „Das hat doch keinen Sinn!“
  • „Das ist Unsinn!“
  • „Das wäre ja noch schöner!“
  • „Es ist einfach besser so!“
  • „Das besprechen wir ein andermal!“

Betriebsblindheit Stufe 2 – Totschlagargumente

  • „Das würde den Rahmen sprengen“
  • „Das ist unserer Zielgruppe nicht vermittelbar“
  • „Daran sind schon ganz andere gescheitert“
  • „Das hat noch nie funktioniert“
  • „Das ist politisch nicht korrekt“
  • „Das behaupten sie alle“

Betriebsblindheit Stufe 3 – Suizidargument

  • „Es gibt keine Alternative“

Schlimmstenfalls haben Sie sich gerade selbst wieder gefunden. Sie benutzen die eine oder andere Phrase bei der einen oder anderen Gelegenheit? Macht nichts, fühlen Sie sich ab jetzt sensibilisiert. Und genau das ist das einzige Mittel gegen Betriebsblindheit ohne dabei die Vorteile der Erfahrungskurve zu verlieren. Sensibilisierung. Machen Sie Ihr Umfeld auf die Phrasen der Betriebsblindheit aufmerksam. Viele benutzen die Phrasen unbewusst und ohne böse Absicht, genauso unbemerkt und schleichend ist die Betriebsblindheit.

Brille für Betriebsblinde

Binden Sie die „Brille für Betriebsblinde“ als zusätzliches Modul in die jährlich durchzuführende Arbeitssicherheitsunterweisung ein.

Starten Sie im Rahmen von KVP, Kaizen und anderen Verbesserungsmaßnahmen, weitere Aktionen gegen Betriebsblindheit. Sie werden nach kurzer Zeit erkennen, dass die Phrasen abnehmen, der eine oder andere Mitarbeiter plötzlich wieder über den Tellerrand schaut und die Stimmung im Unternehmen steigt.

BETRIEBSBLIND? Wenn Dir jemand sagt: Das geht nicht! Denke immer daran: Das sind seine Grenzen, nicht Deine.

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